Seit Monaten verfolge ich begeistert jede “The Big Picture” Fotostrecke auf Boston.com. Diese Woche ging es um Menschen, die Rekorde aufstellten. Einer zieht mit seinen Haaren eine doppelstöckigen Bus in London 20 Meter weit, andere sind deshalb einzigartig, weil sie mit 104 Jahren die ältesten Zwillinge dieser Welt sind. Als Fallschirmspringer blieb mein Blick jedoch bei jenem Bild hängen, das einen B.A.S.E. Jumper zeigt, wie er in lockerer Pose vom Menara Kuala Lumpur Tower springt. Als wäre es das normalste dieser Welt aus einer Höhe von 421m zu springen, ohne Reservefallschirm, 5 Sekunden freier Fall – 5 weitere wären tödlich. Natürlich fand auch ich dieses Bild auf den ersten Blick beeindruckend. Auf den zweiten nicht mehr. 
Bereits 2003 hatte ich das Glück, den wohl besten B.A.S.E. Jumper dieser Welt kennenzulernen: Ueli Gegenschatz. Keiner übte die Sportart mit mehr Sorgfalt und Professionalität aus. Ueli wusste, dass mit dem Sport Risiken verbunden sind, aber er konnte sie kontrollieren – davon ging er jedenfalls aus. Er war mein Vorbild. Sollte ich jemals damit anfangen, aus geringen Höhen zu springen, dann wollte ich das auf dieselbe Weise tun wie Ueli. Am 13. November passierte, was niemand erwartete. Bei seinem letzten Sprung vom Sunrise Tower in Zürich wird Ueli Gegenschatz von einer Windböe erfasst, die versuchte Landung auf dem Dach eines nahestehenden Gebäudes misslingt und er stürzt einige Meter in die Tiefe. Wenige Tage später erliegt Ueli seinen Verletzungen.
Dass man Risiken nicht vollständig kontrollieren kann, ist eine Binsenweisheit. Das gilt beim Springen von Gebäuden und Brücken genauso wie beim Autofahren. Das Entscheidende ist nicht, dass man jeder möglichen Gefahr ausweicht – das Leben wäre sonst ziemlich langweilig. Viel spannender ist: Welche Einstellung habe ich gegenüber Risiken und wo setze ich meine Grenzen? Der Leichtsinnige wird diese Frage anders beantworten als der Vorsichtige. Vermutlich wäre auch Uelis Antwort eine andere gewesen, als die des Springers von Kuala Lumpur. Dessen Haltung lässt jedenfalls vermuten, dass auch er die Situation unter Kontrolle zu haben glaubt. Jeder Überraschte denkt so vor der Überraschung. Besonders verheerend beim B.A.S.E. Jumping ist allerdings, dass nach der Überraschung das Leben oft zu Ende ist. Keine Zeit, kein Reserveschirm, keine zweite Chance.
Es geht hier nicht um richtig oder falsch. Sondern vielmehr darum, dass man bei allem was man tut nie den Respekt vor der Gefahr verlieren sollte. B.A.S.E. Jumping ist nicht Dreiradfahren, auch wenn das Photo des coolen Springers in Kuala Lumpur den Eindruck vermittelt.
Mir selbst hat der Tod von Ueli Gegenschatz eines klar gemacht: Mehr noch als den ultimativen Kick liebe ich das Leben. Ich habe mich entschieden, niemals von Gebäuden, Antennen, Brücken oder Felsvorsprüngen zu springen. Vielleicht weil auch ich Angst vor meinem eigenen Leichtsinn habe.
Ueli Gegenschatz an der TED Konferenz im Februar 2009 (Englisch):
Feature Bild: Mark Baker / AP Photo
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Netter Artikel, und der Hinweis auf die Gefahren und Risiken ist sicherlich sehr treffend. Aber ich muss doch eine kleine dumme Frage stellen: Warum wird Base-Jumping von dir mit Interpunktion als B.A.S.E. geschrieben? Es ist doch gar keine Abkürzung. Irgendwie irritierte mich das, und es drängte sich mir der (hoffentlich falsche) Eindruck auf, es wäre ein kleines bißchen Schleichwerbung für die Firma BASE, die Billigtochter von E-Plus.
Freut mich, dass Dir der Artikel gefällt. Und vielen Dank für die Frage. Sie ist alles andere als dumm. Oft wird die Sportart “Base-Jumping” geschrieben. Das ist eigentlich nicht ganz korrekt, da es sich tatsächlich um eine englische Abkürzung handelt. Die vier Buchstaben stehen für Buildings (Gebäude), Antennas (Antennen), Spans (Brücken) und Earth (Felsen).
Ah, danke für die Erläuterung. Das hab ich davon, dass ich nicht auf jeden Link klicke, der im Artikel vorkommt.
Auch wenn ich keine Extremsportarten ausübe, kann ich mich deiner Meinung nur anschließen.
Ich kann verstehen, was den Reiz an extremen Situationen ausmacht und warum man immer wieder versucht nicht nur bis an die Grenzen zu gehen, sondern sogar darüber hinaus.
Doch letztlich bedeutet das Überschreiten der Grenzen im Grunde eines: Einen Schritt weiter zu gehen, als man eigentlich kann…
Ich finde es faszinierend, was Sportler erreichen können, doch gleichzeitig bedauere ich, wenn sie irgendwann denken, dass sie alles im Griff haben.
Guter Beitrag, der mir dies wieder einmal ins Gedächtnis gerufen hat.
Danke für Deinen Beitrag. Genau um das, was Du schreibst, nämlich “einen Schritt weiter zu gehen, als man kann” geht es. Die meisten Menschen sind sich nicht bewusst, wo ihre Grenze ist oder schätzen sie falsch ein. Das gilt für Sportler ebenso wie zum Beispiel für Autofahrer, die sich oft chronisch überschätzen.
Seine Grenzen zu kennen und dem was jenseits der Grenze ist, mit maximalem Respekt zu begegnen ist wichtig. Wenn man das tut, kann man hin und wieder -ganz bewusst und nicht einfach nur leichtfertig- einen Schritt weitergehen und die Grenze Stück für Stück verschieben. Denn oft braucht es das, damit Neues entstehen kann.
Ein guter Sportler zeichnet sich für mich dadurch aus, dass er sich ständig sehr nah an der Grenze bewegt. Wenn man seine Grenze überschreitet, entscheidet nur noch der Zufall darüber, ob die Sache gut oder schlecht ausgeht. Kommt hinzu, dass auch vor dem Überschreiten der Grenze der Zufall gehörig mitspielt, zum Beispiel in Form einer Windböe. Lieber oft zu früh, als einmal zu spät.
Dass man Risiken nicht vollständig kontrollieren kann, ist eine Binsenweisheit.
=> müsste heissen “Dass man Risiken vollständig kontrollieren kann, ist eine Binsenweisheit.”
oder?
Vielen Dank für den Hinweis. Ich habe gerade nochmal die Definition von “Binsenweisheit” auf Wikipedia nachgelesen. Bei einer Binsenweisheit handelt es sich um eine allgemein bekannte Information. Ich wollte zum Ausdruck bringen, dass Risiken NICHT vollständig kontrolliert werden können. Für mich ist das ein Gemeinplatz. Liege ich Ihrer Meinung nach damit daneben?